Das Wichtigste in Kürze
- Diese Einordnung ist meine persönliche, subjektive Einschätzung, keine offizielle Bewertung und keine Aussage über konkrete Klausuren einzelner Dozentinnen und Dozenten.
- Das Physikum gilt bei vielen als erste richtig große Hürde, weil hier über mehrere Grundlagenfächer hinweg geprüft wird.
- Die Anatomie-Testate fordern besonders viel Detailwissen in kurzer Zeit.
- Der klinische Abschnitt bringt eine neue Art von Druck: echte Verantwortung für Patiententiere.
Ich studiere selbst in Gießen und bin mitten im klinischen Abschnitt, Stand Juli 2026. Die folgende Einordnung basiert auf meinem eigenen Weg durchs Studium und dem, was ich in Gesprächen mit anderen Studierenden immer wieder höre.
Das Physikum: der erste echte Stresstest
Der anatomisch-physiologische Abschnitt, den die meisten einfach Physikum nennen, ist für viele die erste Prüfungsphase, die sich wirklich anders anfühlt als alles davor. Anatomie, Histologie und Embryologie, Physiologie, Biochemie sowie Tierzucht und Genetik werden hier laut TAppV bis zum Ende des zweiten Studienjahres geprüft, und zwar auf einem Niveau, das deutlich über bloßes Auswendiglernen hinausgeht. Was das Physikum für mich und viele andere so anspruchsvoll macht, ist weniger ein einzelnes Fach, sondern die Menge an Fächern, die gleichzeitig sitzen müssen. Wer hier durchkommt, hat gezeigt, dass er oder sie mit größerem Stoffvolumen und Prüfungsdruck über längere Zeit umgehen kann.
Anatomie-Testate: Detailwissen unter Zeitdruck
Innerhalb des Weges zum Physikum sind es aus meiner Sicht vor allem die Anatomie-Testate, die besonders zehren. Du musst an Präparaten oder Modellen sehr konkretes, teils sehr kleinteiliges Wissen abrufen, oft unter Zeitdruck und mit direkter Rückfrage. Das ist etwas anderes als eine schriftliche Klausur, bei der du dir die Zeit selbst einteilen kannst. Hier zählt, ob du in dem Moment, in dem eine Struktur vor dir liegt, benennen und einordnen kannst, was du siehst. Für mich persönlich war genau das die Phase, in der ich am meisten über mein eigenes Lernverhalten gelernt habe. Reines Auswendiglernen ohne echtes räumliches Verständnis der Anatomie trägt einfach nicht weit.
Klinischer Abschnitt: Verantwortung als neue Belastung
Im klinischen Abschnitt ändert sich die Art der Belastung noch einmal grundlegend. Es geht nicht mehr nur darum, Wissen in einer Prüfung abzurufen, sondern darum, dieses Wissen an echten Tieren anzuwenden, unter Anleitung, aber mit spürbarer eigener Verantwortung. Das ist für mich subjektiv nicht unbedingt “schwerer” im klassischen Klausursinn, aber emotional fordernder. Ein falscher Handgriff oder eine übersehene Kleinigkeit hat hier eine andere Tragweite als ein falsch angekreuztes Kästchen in einer Multiple-Choice-Klausur. Diese Phase verlangt neben Fachwissen auch Nervenstärke und die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen, ohne handlungsunfähig zu werden.
Das Staatsexamen: die Summe von allem
Am Ende steht die Tierärztliche Prüfung, das Staatsexamen, mit ihren laut TAppV 20 Prüfungsfächern von Innerer Medizin über Chirurgie und Anästhesiologie bis zu Pharmakologie und Toxikologie, Fleischhygiene und Reproduktionsmedizin. Was das Staatsexamen aus meiner Sicht so besonders macht, ist nicht ein einzelnes besonders schweres Fach, sondern dass hier das gesamte Studium noch einmal zusammenläuft. Du musst über Jahre hinweg aufgebautes Wissen parat haben und gleichzeitig zeigen, dass du es praktisch anwenden kannst. Viele, mit denen ich gesprochen habe, empfinden gerade die Kombination aus Breite und Tiefe als das eigentlich Fordernde – nicht ein einzelner Prüfungstag, sondern der lange Zeitraum, über den die Prüfungen laufen.
Meine persönliche Einordnung
Wenn ich die Phasen für mich sortieren müsste, würde ich sagen: Das Physikum fordert dich am breitesten, die Anatomie-Testate am detailliertesten, der klinische Abschnitt am meisten emotional, und das Staatsexamen am längsten. Das ist keine objektive Rangliste, sondern meine persönliche Wahrnehmung, andere Studierende würden sicher andere Schwerpunkte setzen. Wichtig finde ich vor allem eines: Wer den Ablauf des Tiermedizinstudiums kennt und weiß, welche Phase wann kommt, kann sich mental besser darauf vorbereiten, statt von jeder neuen Herausforderung überrascht zu werden.
Fazit
Keine dieser Prüfungsphasen ist ein Selbstläufer, aber keine ist auch unschaffbar. Die Belastung verändert über das Studium hinweg ihren Charakter, von reinem Wissensabruf hin zu praktischer Verantwortung. Wer das weiß, kann sich innerlich darauf einstellen und muss nicht bei jeder neuen Phase bei null anfangen.
Konstantin Berger
Tiermedizinstudent (JLU Gießen)
Konstantin studiert Tiermedizin an der Justus-Liebig-Universität Gießen und steckt mitten im klinischen Abschnitt. Auf tiermedizinstudium.eu schreibt er über alles, was er sich vor dem Studium selbst gewünscht hätte: den Weg zum Studienplatz – in Deutschland und Europa – und das, was einen im Studium wirklich erwartet.
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