Das Wichtigste in Kürze
- Die jüngere Tierärztinnen- und Tierärzte-Generation strebt häufiger eine Anstellung mit geregelten Arbeitszeiten an als die klassische eigene Praxis.
- Gründe sind unter anderem die hohe Belastung durch Notdienst und Verwaltung sowie ein verändertes Verständnis von Work-Life-Balance.
- Das hat Folgen für Praxisnachfolgen in vielen Regionen, besonders auf dem Land.
- Wer sich für eine eigene Praxis interessiert, findet ergänzend Zahlen im Ratgeber zum Tierarzt-Gehalt.
Zwei Generationen, zwei Erwartungen
Der Tierarzt, der unseren Betrieb seit über zwanzig Jahren betreut, hat seine Praxis als junger Mann übernommen und arbeitet bis heute fast täglich, samt Notdienst am Wochenende. Seine jüngeren Kolleginnen und Kollegen, die inzwischen bei ihm angestellt sind, ticken anders: Sie planen ihre Wochenarbeitsstunden genau, tauschen Dienste über eine App und sprechen offen darüber, dass ihnen ein freies Wochenende wichtiger ist als das eigene Praxisschild an der Tür. Ich erlebe dieses Nebeneinander zweier Generationen bei uns auf dem Hof fast wöchentlich, und es zeigt, wie stark sich der Beruf gerade verändert.
Warum die eigene Praxis an Reiz verliert
Eine eigene Praxis zu führen bedeutet mehr als reine Behandlung: Personalverantwortung, Buchhaltung, Investitionsentscheidungen, Notdienstorganisation und oft ein finanzielles Risiko über Jahrzehnte. Viele junge Tierärztinnen und Tierärzte, mit denen die Tierarztpraxis, die unseren Hof betreut, über die Jahre zusammengearbeitet hat, sagen offen, dass sie genau das nicht wollen. Ihnen ist wichtiger, nach Feierabend wirklich frei zu haben, statt am Abend noch Rechnungen zu schreiben oder nachts ans Telefon zu müssen, weil man selbst die Praxis trägt.
Geregelte Arbeitszeit als neuer Maßstab
Wo frühere Generationen Selbstständigkeit fast automatisch als Ziel ansahen, ist für viele jüngere Kolleginnen und Kollegen heute eine Vier- oder Viereinhalb-Tage-Woche mit klar begrenzten Notdiensten das erstrebenswertere Modell. Das ist kein mangelnder Einsatz, sondern eine bewusste Entscheidung für Planbarkeit. Wie stark sich das mit der Notdienstorganisation überschneidet, beschreibt der Ratgeber Notdienstkrise: Warum nachts immer öfter die Praxis zu bleibt.
Was das für Praxisnachfolgen bedeutet
Für Praxisinhaberinnen und -inhaber, die auf eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger aus den eigenen Reihen hoffen, wird das zunehmend schwieriger. Besonders in ländlichen Regionen, wo Praxen oft weite Einzugsgebiete und entsprechend belastende Notdienste haben, findet sich seltener jemand, der die komplette Verantwortung übernehmen möchte. Das begünstigt auch die Entwicklung hin zu größeren Praxisgruppen, die solche Standorte mit angestelltem Personal weiterführen, wie sie der Ratgeber Wenn Investoren die Praxis kaufen: Tierarztketten im Aufwind beschreibt.
Meine Beobachtung als Landwirt
Ich verstehe diesen Wandel gut, auch wenn ich selbst aus einer anderen Branche komme: In der Landwirtschaft erleben wir eine ähnliche Diskussion um Betriebsübernahmen und Arbeitszeiten. Was ich aber auch sehe: Die Verfügbarkeit rund um die Uhr, wie sie frühere Tierärztegenerationen oft selbstverständlich geboten haben, lässt sich nicht endlos von immer weniger Schultern tragen. Ein Stück weit ist der Wunsch nach geregelten Arbeitszeiten deshalb auch eine notwendige Korrektur, damit der Beruf für den Nachwuchs überhaupt attraktiv bleibt.
Was das für Betriebe wie unseren bedeutet
Für uns als Landwirte ist diese Entwicklung nicht nur eine abstrakte Personalfrage. Wenn eine gut eingespielte Praxis keinen Nachfolger findet oder das Team häufiger wechselt, weil geregelte Arbeitszeiten woanders leichter zu bekommen sind, spüren wir das direkt: neue Gesichter, andere Herangehensweisen, manchmal auch längere Wartezeiten auf Termine. Ich verstehe trotzdem, warum sich viele junge Tierärztinnen und Tierärzte so entscheiden. Wer selbst über Jahre Nachtschichten im Stall kennt, weiß, wie sehr ein planbarer Feierabend am Ende zur Lebensqualität beiträgt, ganz gleich in welchem Beruf.
Fazit
Der Generationswechsel in der Tiermedizin verschiebt den Maßstab von unternehmerischer Selbstständigkeit hin zu planbarer Anstellung. Das verändert Praxislandschaften spürbar, bringt aber auch eine gesündere Balance für die, die den Beruf ausüben. Wer sich fragt, wie sich das mit dem Verdienst verträgt, findet Einordnung im Ratgeber Tierarzt-Gehalt.
Marco Lindner
Landwirt
Marco führt einen Milchviehbetrieb und arbeitet seit vielen Jahren eng mit Tierärzten zusammen – vom Bestandsbetreuer bis zum Amtsveterinär. Für tiermedizinstudium.eu porträtiert er den Berufsalltag von Tierärztinnen und Tierärzten aus der Perspektive dessen, der sie täglich im Einsatz erlebt.
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