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Tierarztberuf & Karrierewege

Wenn Investoren die Praxis kaufen: Tierarztketten im Aufwind

Porträt von Marco LindnerVon Marco Lindner3 Min. Lesezeit
Symbolbild Praxisschild wird ausgetauscht – Tierarztketten und Investoren

Das Wichtigste in Kürze

  • In der Tiermedizin wachsen zunehmend größere Praxisgruppen, die einzelne Praxen aufkaufen und unter einem gemeinsamen Dach führen.
  • Für angestellte Tierärztinnen und Tierärzte bedeutet das oft geregeltere Arbeitszeiten und klare Strukturen, aber auch weniger unternehmerische Selbstständigkeit.
  • Die klassische Praxisübernahme durch einen einzelnen Nachfolger wird dadurch in manchen Regionen seltener.
  • Wie sich das auf den ersten Arbeitsvertrag auswirken kann, zeigt der Ratgeber zur ersten Stelle.

Ein neues Schild am alten Gebäude

Bei uns in der Region gibt es eine Kleintierpraxis, die ich seit Jahren kenne, weil dort auch unsere Hofkatzen behandelt werden. Vor einiger Zeit hat der Inhaber die Praxis verkauft, nicht an eine Kollegin oder einen Kollegen aus der Region, sondern an eine größere Praxisgruppe. Das Team ist weitgehend geblieben, aber vieles hat sich verändert: neue Software, ein anderes Bestellwesen, zentrale Ansprechpartner für Verwaltung statt der bekannten Chefin am Empfang. Für mich als Tierhalter war das ein greifbares Beispiel für eine Entwicklung, die in der ganzen Branche zu beobachten ist.

Warum Investoren in Tierarztpraxen investieren

Tierarztpraxen gelten für Investorinnen und Investoren als attraktiv, weil die Nachfrage nach tiermedizinischer Versorgung stabil und tendenziell wachsend ist, unter anderem durch mehr Haustiere und steigende Ausgabenbereitschaft der Halterinnen und Halter. Größere Trägergesellschaften bündeln mehrere Praxen unter einem Dach, teilen sich Verwaltung, Einkauf und teils auch Personal für Spezialgebiete. Für einzelne Praxisinhaberinnen und -inhaber, die keinen Nachfolger aus den eigenen Reihen finden, ist ein solcher Verkauf oft ein pragmatischer Ausweg aus der Nachfolgefrage.

Was das für angestellte Tierärzte bedeutet

Für viele junge Tierärztinnen und Tierärzte bringt die Anstellung in einer größeren Praxisgruppe handfeste Vorteile: geregelte Arbeitszeiten, klar definierte Notdienstmodelle, oft auch Fortbildungsbudgets und Aufstiegswege innerhalb der Struktur, ohne dass man selbst unternehmerisches Risiko übernehmen muss. Gleichzeitig verändert sich die Rolle: Man ist Angestellte oder Angestellter in einem größeren System, nicht mehr die Chefin oder der Chef im eigenen Betrieb mit voller Entscheidungsfreiheit über Behandlungsabläufe und Praxisorganisation.

Was mit der klassischen Praxisübernahme passiert

Früher war es in vielen Familien und Regionen üblich, dass eine Praxis über Jahrzehnte von einer Generation an die nächste weitergegeben wurde, oft an eine ehemalige Assistenzärztin oder einen ehemaligen Assistenzarzt der Praxis selbst. Durch die zunehmende Konsolidierung wird diese Form der Übernahme in manchen Regionen seltener, weil Praxisgruppen bei Verkäufen oft konkurrenzfähigere Angebote machen können als eine einzelne junge Tierärztin oder ein einzelner junger Tierarzt. Das verändert langfristig, wie der Berufsweg in die eigene Praxis überhaupt noch aussieht.

Beide Seiten der Entwicklung

Ich will das nicht schwarzweiß malen. Für manche jungen Tierärztinnen und Tierärzte ist die Anstellung in einer größeren Struktur genau das, was sie suchen: planbare Arbeitszeiten statt unternehmerischem Alleingang, siehe dazu auch den Artikel Vier-Tage-Woche statt eigener Praxis: Der Generationswechsel im Tierarztberuf. Für andere fehlt dadurch aber die Perspektive, irgendwann eine eigene Praxis mit eigener Handschrift zu führen. Beide Wege haben ihre Berechtigung, aber angehende Tierärztinnen und Tierärzte sollten wissen, dass sich der Markt gerade spürbar verändert, wenn sie ihre Karriere planen.

Worauf Berufseinsteiger achten sollten

Wer sich bei einer größeren Praxisgruppe bewirbt, sollte genau hinschauen, wie viel fachliche Entscheidungsfreiheit vor Ort tatsächlich bleibt. Manche Trägergesellschaften lassen den einzelnen Standorten viel Spielraum bei Behandlungsentscheidungen und ändern vor allem die Verwaltung im Hintergrund. Andere greifen stärker in medizinische Abläufe ein, etwa über zentrale Vorgaben zu Behandlungsprotokollen oder Materialkosten. Ein offenes Gespräch im Vorstellungsgespräch darüber, wie viel Mitspracherecht die Praxis vor Ort noch hat, kann später viel Enttäuschung ersparen, gerade wenn einem die eigene medizinische Einschätzung wichtig ist.

Fazit

Die Konsolidierung im tierärztlichen Markt ist eine Entwicklung, die man weder verteufeln noch unterschätzen sollte. Sie bringt neue Karrierewege mit sich, verändert aber auch, wie klassische Praxisübernahmen künftig funktionieren. Wer eine erste Stelle sucht, findet praktische Hinweise dazu im Ratgeber Die erste Tierarzt-Stelle: Bewerbung, Vertrag, Realitätscheck.

Porträt von Marco Lindner
Über die Autorin/den Autor

Marco Lindner

Landwirt

Marco führt einen Milchviehbetrieb und arbeitet seit vielen Jahren eng mit Tierärzten zusammen – vom Bestandsbetreuer bis zum Amtsveterinär. Für tiermedizinstudium.eu porträtiert er den Berufsalltag von Tierärztinnen und Tierärzten aus der Perspektive dessen, der sie täglich im Einsatz erlebt.

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