Zum Inhalt springen
Tierarztberuf & Karrierewege

Die erste Tierarzt-Stelle: Bewerbung, Vertrag, Realitätscheck

Porträt von Marco LindnerVon Marco Lindner3 Min. Lesezeit
Symbolbild Arbeitsvertrag auf Praxistisch – erste Stelle als Tierarzt

Das Wichtigste in Kürze

  • Der erste Arbeitsvertrag als Tierärztin oder Tierarzt sollte Gehalt, Arbeitszeiten und Notdienstregelung klar und schriftlich festhalten.
  • Ein Fortbildungsbudget und geregelte Einarbeitung sind realistische Erwartungen an eine gute erste Stelle, kein Luxus.
  • Manche Stellenangebote enthalten Warnsignale, etwa vage Angaben zu Arbeitszeit oder auffällig niedriges Gehalt bei hoher Verantwortung.
  • Zur Gehaltsorientierung hilft der Ratgeber Tierarzt-Gehalt.

Vom Examen in den Praxisalltag

Ich habe über die Jahre einige junge Tierärztinnen und Tierärzte kennengelernt, die frisch von der Uni kamen und ihre erste Stelle bei uns in der Region angetreten haben. Was mir dabei auffällt: Der Sprung vom Studium in den echten Praxisalltag ist oft größer, als die meisten erwarten. Plötzlich steht man nicht mehr unter Aufsicht einer Klinik-Rotation, sondern trägt selbst Verantwortung, oft schon in den ersten Wochen. Ein guter erster Arbeitsvertrag kann diesen Übergang deutlich leichter machen.

Was in den Vertrag gehört

Beim ersten Arbeitsvertrag lohnt sich ein genauer Blick auf mehrere Punkte: das Gehalt inklusive möglicher Zuschläge für Notdienst und Überstunden, die genaue Wochenarbeitszeit, die Regelung zu Urlaub und Überstundenausgleich, sowie die konkrete Notdienstbeteiligung. Wie diese Notdienstpflicht grundsätzlich organisiert ist, beschreibt der Ratgeber Notdienstkrise: Warum nachts immer öfter die Praxis zu bleibt. Wichtig ist außerdem, ob und in welchem Umfang die Praxis Fortbildungen finanziell und zeitlich unterstützt, denn gerade am Anfang der Karriere ist kontinuierliche Weiterbildung entscheidend für die fachliche Entwicklung.

Realistische Erwartungen an die erste Stelle

Niemand erwartet von einer Berufseinsteigerin oder einem Berufseinsteiger, von Tag eins an jeden Fall allein zu lösen. Eine seriöse erste Stelle bietet eine geregelte Einarbeitungsphase, in der erfahrene Kolleginnen und Kollegen zur Seite stehen, gerade bei schwierigeren Fällen oder im Notdienst. Wer merkt, dass diese Unterstützung fehlt und man von Anfang an komplett allein gelassen wird, sollte das ernst nehmen, statt es als normalen Berufsstart abzutun.

Rote Flaggen bei Stellenangeboten

Aus Gesprächen mit Tierärztinnen und Tierärzten aus unserer Region kristallisieren sich einige Warnsignale heraus: sehr vage Angaben zu Arbeitszeiten oder Notdienstumfang im Stellenangebot, auffällig niedriges Gehalt bei gleichzeitig hoher fachlicher Verantwortung, eine hohe Personalfluktuation in der Praxis, oder das Fehlen jeglicher Angaben zu Einarbeitung und Fortbildung. Auch ein Bauchgefühl beim Probearbeiten oder Vorstellungsgespräch sollte man ernst nehmen, gerade weil die erste Stelle oft prägt, wie man den ganzen Beruf später wahrnimmt.

Fragen, die sich lohnen

Im Vorstellungsgespräch würde ich als angehende Tierärztin oder angehender Tierarzt gezielt nachfragen: Wie ist der Notdienst konkret organisiert, und wie oft ist man selbst dran? Gibt es ein festes Fortbildungsbudget, und wie wird es genutzt? Wie läuft die Einarbeitung in den ersten Wochen ab, und wer steht als Ansprechperson zur Verfügung? Diese Fragen zu stellen ist kein Zeichen von Unsicherheit, sondern von Professionalität, das habe ich in vielen Gesprächen mit erfahrenen Praxisinhaberinnen und -inhabern so gehört.

Was ich Berufseinsteigern raten würde

Aus den Gesprächen mit jungen Tierärztinnen und Tierärzten bei uns in der Region nehme ich vor allem eines mit: Es lohnt sich, nicht das erstbeste Angebot vorschnell anzunehmen, nur weil das Studium vorbei ist und man endlich anfangen möchte. Ein Vertrag lässt sich meist noch verhandeln, gerade bei Punkten wie Fortbildungsbudget oder Einarbeitungszeit, wenn man selbstbewusst danach fragt. Auch der Austausch mit anderen Berufseinsteigerinnen und -einsteigern, etwa über Studienkolleginnen und -kollegen, die schon in ähnlichen Praxen gearbeitet haben, kann helfen, ein Angebot realistisch einzuordnen, bevor man unterschreibt.

Fazit

Die erste Stelle als Tierärztin oder Tierarzt legt oft den Grundstein für die weitere Karriere. Ein genauer Blick auf Vertrag, Arbeitszeiten und Einarbeitung lohnt sich deshalb mehr, als vor lauter Erleichterung über das erste Angebot vorschnell zu unterschreiben.

Porträt von Marco Lindner
Über die Autorin/den Autor

Marco Lindner

Landwirt

Marco führt einen Milchviehbetrieb und arbeitet seit vielen Jahren eng mit Tierärzten zusammen – vom Bestandsbetreuer bis zum Amtsveterinär. Für tiermedizinstudium.eu porträtiert er den Berufsalltag von Tierärztinnen und Tierärzten aus der Perspektive dessen, der sie täglich im Einsatz erlebt.

Alle Artikel von Marco →