Das Wichtigste in Kürze
- Die Gemischtpraxis behandelt Nutztiere und Kleintiere gleichermaßen, oft am selben Vormittag.
- Auf dem Land ist sie vielerorts noch die einzige tierärztliche Versorgung im weiteren Umkreis.
- Der Beruf verlangt ein breites fachliches Spektrum, von der Kuh-OP bis zur Katzenimpfung.
- Als Allrounder verzichtet man meist auf eine enge Spezialisierung, gewinnt dafür aber Abwechslung und wird auf dem Land gebraucht.
Ein Praxisschild mit zwei Welten
Auf dem Praxisschild der Tierarztpraxis, mit der wir hier zusammenarbeiten, stehen Hund, Katze und Rind nebeneinander, und genau das beschreibt den Alltag dort ziemlich treffend. Am selben Vormittag kann ein Kalb mit Durchfall drankommen, direkt gefolgt von einer Katze zur Routineimpfung. Diese Kombination aus Nutz- und Kleintiermedizin ist auf dem Land vielerorts der Normalfall, keine Seltenheit.
Zwei Fachgebiete unter einem Dach
In einer Gemischtpraxis muss man sich fachlich auf ganz unterschiedliche Patienten einstellen. Am Vormittag steht vielleicht die Bestandsbetreuung auf einem Milchviehbetrieb an, am Nachmittag die Sprechstunde mit Hunden und Katzen im Praxisraum. Das verlangt ein breites Wissen, von der Klauenpflege beim Rind bis zur Zahnsanierung beim Hund, und eine gewisse organisatorische Flexibilität, denn beide Bereiche stellen ganz unterschiedliche Anforderungen an Ausrüstung, Zeitplanung und auch an das Auto, das für die Hausbesuche gepackt wird.
Für kleinere Gemeinden ist diese Kombination oft überlebenswichtig. In vielen ländlichen Regionen gibt es schlicht nicht genug Patienten für eine reine Kleintierpraxis oder eine reine Nutztierpraxis. Erst die Mischung aus beidem macht die Praxis wirtschaftlich tragfähig. Gleichzeitig sichert genau diese Struktur die tierärztliche Versorgung auf dem Land ab: für die Höfe genauso wie für die Haustiere der Dorfbewohner.
Zwischen Spezialisierung und Vielseitigkeit
Ich erlebe bei den Tierärztinnen und Tierärzten in der Gemischtpraxis eine besondere Art von Gelassenheit: Sie sind es gewohnt, den Kopf schnell umzuschalten, von der Großtiermedizin zur Kleintiermedizin und zurück. Das steht in einem gewissen Gegensatz zum Trend in vielen Fachtierarzt-Weiterbildungen, die eine immer tiefere Spezialisierung auf ein einzelnes Gebiet fördern. Eine Gemischtpraxis lebt dagegen bewusst von der Breite. Diesen Weg zu wählen bedeutet meist, auf den Status als Spezialistin oder Spezialist in einem Fachgebiet zu verzichten. Dafür bekommt man einen sehr abwechslungsreichen Berufsalltag und wird gerade in strukturschwächeren Regionen dringend gebraucht.
Ausrüstung für zwei Welten
Was den organisatorischen Aufwand einer Gemischtpraxis besonders erhöht: Die Ausstattung muss für zwei völlig unterschiedliche Einsatzbereiche passen. Für die Hausbesuche auf dem Hof braucht es ein robustes Fahrzeug mit Ausrüstung für Geburtshilfe und Notfälle bei Großtieren, während in den Praxisräumen selbst die klassische Kleintierausstattung vorgehalten werden muss, vom OP-Tisch bis zum Röntgengerät. Diese doppelte Investition ist einer der Gründe, warum sich manche jüngere Tierärztinnen und Tierärzte gegen eine Gemischtpraxis und für eine spezialisierte Einrichtung entscheiden. Wer sich trotzdem dafür entscheidet, bekommt dafür zwei Einnahmequellen, die sich in wirtschaftlich schwächeren Zeiten gegenseitig etwas ausgleichen können.
Herausforderung Nachwuchs
Gemischtpraxen stehen wie viele Landpraxen vor der Frage, wer sie eines Tages weiterführt. Junge Tierärztinnen und Tierärzte entscheiden sich heute häufiger für eine spezialisierte Kleintierpraxis in der Stadt als für eine breit aufgestellte Landpraxis mit Notdienst und langen Anfahrtswegen. Für Betriebe wie unseren bedeutet das: Eine funktionierende Gemischtpraxis in der Nähe ist keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern zunehmend etwas, das man wertschätzen sollte.
Trotzdem bleibt die Gemischtpraxis ein Berufsmodell mit langer Tradition, das gerade auf dem Land nach wie vor seine Berechtigung hat, als Allrounder-Lösung für Höfe und Haustierhalter gleichermaßen. Wer sich nicht auf ein enges Fachgebiet festlegen will und Abwechslung sucht, findet hier einen sehr vielseitigen Berufsweg. Mehr zur Frage, ob Spezialisierung oder Breite der bessere Weg ist, findest du im Artikel Spezialisieren oder Allrounder bleiben?. Wer selbst eine solche Praxis übernehmen oder gründen will, findet die wichtigsten Schritte unter Eigene Tierarztpraxis gründen. Und wie sich der Fachkräftemangel auf dem Land bemerkbar macht, zeigt der Artikel zum Tierärztemangel.
Marco Lindner
Landwirt
Marco führt einen Milchviehbetrieb und arbeitet seit vielen Jahren eng mit Tierärzten zusammen – vom Bestandsbetreuer bis zum Amtsveterinär. Für tiermedizinstudium.eu porträtiert er den Berufsalltag von Tierärztinnen und Tierärzten aus der Perspektive dessen, der sie täglich im Einsatz erlebt.
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