Das Wichtigste in Kürze
- Die Gesamtzahl approbierter Tierärztinnen und Tierärzte in Deutschland wächst leicht, doch die Zahl der Niedergelassenen sinkt. Das ist ein strukturelles Problem, kein einfacher „Mangel an Absolventen“.
- Besonders betroffen sind die Nutztierpraxis und ländliche Regionen, wo Praxen zunehmend keine Nachfolge finden.
- Ein wachsender Anteil der registrierten Tierärztinnen und Tierärzte ist 60 Jahre oder älter, und in den kommenden Jahren scheiden viele aus dem Berufsleben aus.
- Für den Nachwuchs bedeutet das gute bis sehr gute Jobchancen, vor allem außerhalb der hart umkämpften Kleintiermedizin in Großstädten.
Was mir auf dem Hof auffällt
Als unser langjähriger Bestandsbetreuer vor einiger Zeit in den Ruhestand ging, hat es Monate gedauert, bis sich ein Nachfolger für die Praxis gefunden hat. Dabei lief die Praxis wirtschaftlich gut und hatte einen festen Kundenstamm. Diese Erfahrung teilen viele Betriebe in unserer Region. Was ich dabei zunächst für einen Einzelfall hielt, entpuppt sich bei einem Blick in die offiziellen Zahlen als ein strukturelles Muster, das den ganzen Berufsstand betrifft.
Was die Statistik tatsächlich zeigt
Nach der Tierärztestatistik 2025 der Bundestierärztekammer waren zum 31. Dezember 2025 insgesamt 46.089 Tierärztinnen und Tierärzte bei den Landestierärztekammern registriert, rund 444 mehr als im Jahr davor. Auf den ersten Blick klingt das nach Wachstum, nicht nach Mangel. Der genauere Blick zeigt aber ein anderes Bild: Die Zahl der Niedergelassenen ist 2025 auf 11.216 gesunken, ein Rückgang um 48 gegenüber dem Vorjahr, während die Zahl der Angestellten auf 12.125 gestiegen ist, ein Plus von 135. Der Trend geht also klar weg von der eigenen Praxis hin zur Anstellung. In der Mehrzahl der Kammerbereiche war 2025 sogar die Gesamtzahl der Tierarztpraxen rückläufig. (Quelle: Bundestierärztekammer, Pressemitteilung „Tierärztestatistik 2025“, Juni 2026.)
Dazu kommt: Nicht alle registrierten Tierärztinnen und Tierärzte sind tatsächlich im Beruf aktiv, nach BTK-Angaben sind es rund drei Viertel. Und die Berufsgruppe altert. Ende 2025 gehörte bereits rund ein Drittel aller registrierten Kammermitglieder der Altersgruppe 60 Jahre und älter an, Tendenz weiter steigend. Das bedeutet, dass in den kommenden Jahren viele erfahrene Kolleginnen und Kollegen aus dem aktiven Berufsleben ausscheiden werden, ohne dass in gleichem Maße neue Niederlassungen nachrücken.
Warum es kein einheitlicher Mangel ist
Wichtig ist die Einordnung: Die Bundestierärztekammer selbst betont, dass sich aus der Statistik kein bundesweit einheitlicher Tierärztemangel ablesen lässt. Es gibt regionale Unterschiede bei den Praxiszahlen, und in der Kleintiermedizin in Großstädten ist die Konkurrenz um Anstellungen mancherorts weiterhin hoch. Das eigentliche Risiko liegt woanders. In ländlichen Räumen und speziell in der Nutztierpraxis warnt die BTK ausdrücklich vor Versorgungsengpässen, wenn frei werdende Praxen keinen Nachfolger finden.
Was das für uns auf dem Land bedeutet
Für Betriebe wie unseren ist das keine abstrakte Zahl aus einer Pressemitteilung. Es ist eine ganz praktische Sorge: Wird es in zehn oder fünfzehn Jahren noch genügend Bestandsbetreuer in erreichbarer Nähe geben? Der bpt, der Bundesverband praktizierender Tierärzte, weist seit Jahren darauf hin, dass sich immer weniger junge Tierärztinnen und Tierärzte für eine Niederlassung in der Nutztierpraxis entscheiden. Die Kombination aus Notdienst, körperlicher Belastung und langen Anfahrtswegen schreckt viele ab, während eine Anstellung in einer städtischen Kleintierpraxis planbarer wirkt.
Gute Aussichten für den Nachwuchs
Für angehende Tierärztinnen und Tierärzte bedeutet diese Entwicklung vor allem eines: gute Jobaussichten, besonders außerhalb der begehrten Kleintierpraxen in Großstädten. Wer sich in der Nutztier- oder Gemischtpraxis auf dem Land niederlässt oder eine bestehende Praxis übernimmt, trifft auf eine Nachfrage, die das Angebot an Nachwuchs deutlich übersteigt. Oft kommen dazu attraktive Übernahmekonditionen durch die scheidende Generation.
Fazit
Der vielzitierte Tierärztemangel ist bei genauerem Hinsehen kein Mangel an Tierärztinnen und Tierärzten insgesamt. Es ist ein strukturelles Problem: zu wenig Niederlassungsbereitschaft, besonders in der Nutztierpraxis und auf dem Land, bei gleichzeitig alternder Berufsgruppe. Gute Perspektiven findet, wer sich für diesen Weg entscheidet, sei es über eine Praxisübernahme oder den Einstieg in die Nutztierpraxis. Wie sich das Gehalt in der Großtierpraxis gestaltet, zeigt der Artikel Gehalt in der Großtier-/Nutztierpraxis, und wer sich grundsätzlich für den Berufsweg interessiert, findet den Einstieg im Hub-Artikel Tierarzt werden.
Marco Lindner
Landwirt
Marco führt einen Milchviehbetrieb und arbeitet seit vielen Jahren eng mit Tierärzten zusammen – vom Bestandsbetreuer bis zum Amtsveterinär. Für tiermedizinstudium.eu porträtiert er den Berufsalltag von Tierärztinnen und Tierärzten aus der Perspektive dessen, der sie täglich im Einsatz erlebt.
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