Das Wichtigste in Kürze
- Immer mehr Tierarztpraxen und -kliniken können den Notdienst nicht mehr durchgängig anbieten, weil Personal fehlt und die Belastung für den Einzelnen zu hoch wird.
- Notdienstringe, in denen sich mehrere Praxen einer Region die Nächte und Wochenenden aufteilen, werden dadurch zunehmend wichtiger, aber auch selbst enger.
- Berufseinsteigerinnen und -einsteiger erleben die Notdienstpflicht oft früher und intensiver, als sie es erwartet hatten.
- Wer sich für den Beruf entscheidet, sollte sich mit Notdienstmodellen und Arbeitszeitregelungen schon vor der ersten Stelle auseinandersetzen.
Wenn niemand rangeht
Ich habe es selbst erlebt: Eine Kuh liegt fest, es ist kurz nach Mitternacht, und die Praxis, bei der wir sonst anrufen, meldet sich mit einer Bandansage, die auf eine andere Nummer verweist. Vor ein paar Jahren wäre das bei uns in der Region kaum vorstellbar gewesen. Heute ist es keine Ausnahme mehr. Immer mehr Praxen sagen offen, dass sie den Notdienst nicht mehr allein stemmen können, und das merkt man als Tierhalter zuerst dann, wenn man ihn dringend braucht.
Woher der Druck kommt
Mehrere Entwicklungen kommen hier zusammen. Zum einen fehlt schlicht Personal, gerade in der Nutztier- und der ländlichen Kleintierpraxis, wo laut Berichten der Bundestierärztekammer der Nachwuchsmangel besonders spürbar ist. Zum anderen begrenzt das Arbeitszeitgesetz, wie viele Stunden am Stück und wie viele Nächte in Folge eine einzelne Tierärztin oder ein einzelner Tierarzt arbeiten darf. Was auf dem Papier sinnvoller Arbeitsschutz ist, wird in kleinen Praxisteams schnell zum Problem, wenn sich die Nachtdienste nicht mehr auf genug Schultern verteilen lassen. Eine Praxis mit zwei oder drei Angestellten kann einen echten 24/7-Betrieb rechtlich und menschlich kaum noch durchhalten.
Notdienstringe als Antwort – und als eigenes Nadelöhr
Als Reaktion darauf schließen sich in vielen Regionen mehrere Praxen zu Notdienstringen zusammen, um sich die Nächte und Wochenenden untereinander aufzuteilen. Für uns als Betrieb bedeutet das: Der Anruf geht nicht mehr automatisch bei unserem gewohnten Tierarzt ein, sondern bei wechselnden Kolleginnen und Kollegen, die gerade Dienst haben. Das funktioniert oft gut, stößt aber selbst an Grenzen, wenn zu wenige Praxen mitmachen oder der Ring über eine zu große Fläche verteilt ist. Dann kann die Anfahrt im Ernstfall trotzdem sehr lang werden.
Was das für Berufseinsteiger bedeutet
Wer heute frisch approbiert in eine Praxis einsteigt, lernt die Notdienstpflicht oft schneller kennen als frühere Generationen. Weil weniger Kolleginnen und Kollegen den Dienst tragen, fällt der Anteil an Nächten und Wochenenden pro Person tendenziell höher aus, gerade in kleineren Praxen. Das verändert, wie realistisch man den Berufseinstieg planen sollte: Fragen nach der genauen Notdienstregelung gehören für mich in jedes erste Vorstellungsgespräch, nicht erst in den Arbeitsalltag nach der Probezeit. Mehr zu diesem Übergang findest du im Ratgeber Die erste Stelle als Tierarzt: Bewerbung, Vertrag, Realitätscheck.
Was auf dem Spiel steht
Für uns als Tierhalter ist die Notdienstkrise mehr als eine abstrakte Personalfrage. Wenn nachts niemand erreichbar ist, geht es im Zweifel um das Leben eines Tieres und um wirtschaftlichen Schaden für den Betrieb. Deshalb verstehe ich beide Seiten: die Tierärztinnen und Tierärzte, die an ihre Grenzen kommen, und die Landwirte, die im Ernstfall auf schnelle Hilfe angewiesen sind. Eine langfristige Lösung braucht meiner Beobachtung nach mehr Nachwuchs, klügere regionale Organisation und ehrliche Gespräche darüber, was ein einzelner Betrieb an Notdienst überhaupt leisten kann, ohne seine Mitarbeitenden zu verschleißen. Wie sich das mit dem Generationswechsel im Beruf überschneidet, zeigt der Artikel Vier-Tage-Woche statt eigener Praxis.
Fazit
Die Notdienstkrise in der Tiermedizin ist kein Randthema, sondern betrifft Tierärztinnen und Tierärzte, Praxen und Tierhalter gleichermaßen. Für angehende Tierärztinnen und Tierärzte lohnt sich ein nüchterner Blick auf das Thema schon während des Studiums, damit die spätere Berufswahl nicht an der Realität der ersten Notdienstwoche zerbricht.
Marco Lindner
Landwirt
Marco führt einen Milchviehbetrieb und arbeitet seit vielen Jahren eng mit Tierärzten zusammen – vom Bestandsbetreuer bis zum Amtsveterinär. Für tiermedizinstudium.eu porträtiert er den Berufsalltag von Tierärztinnen und Tierärzten aus der Perspektive dessen, der sie täglich im Einsatz erlebt.
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