Das Wichtigste in Kürze
- Der erste Tag im Präpariersaal ist für fast alle ein Ausnahmezustand – Geruch, Ernst der Lage und eigene Nervosität kommen gleichzeitig.
- Es ist völlig normal, wenn dich der erste Schnitt Überwindung kostet, egal wie sehr du dich vorher darauf gefreut hast.
- Die Gruppe am Präpariertisch trägt viel: Zusammen fällt der Einstieg leichter als allein.
- Mit der Zeit wird aus Anspannung Routine – ohne dass der Respekt vor dem, was du da vor dir hast, verloren geht.
Ich weiß noch genau, wie ich am Vorabend meines ersten Anatomietags in Gießen kaum schlafen konnte. Nicht aus Angst, eher aus einer Mischung aus Aufregung und diesem diffusen Gefühl, dass jetzt der Ernst des Studiums beginnt.
Der Geruch, der alles ankündigt
Bevor du im Präpariersaal überhaupt etwas siehst, riechst du ihn. Formalin ist ein Geruch, den du vorher noch nie so intensiv hattest, und er setzt sich in den ersten Wochen regelrecht in deiner Kleidung und manchmal sogar im Gedächtnis fest. Bei mir war die erste Reaktion beim Reingehen fast körperlich: kurz die Luft anhalten, schlucken, sich sammeln. Das ist keine Schwäche, das ist eine normale Reaktion auf einen Reiz, den dein Körper vorher einfach nicht kannte. Nach ein paar Sitzungen gewöhnst du dich daran, mehr, als du am ersten Tag für möglich gehalten hättest.
Der Moment vor dem ersten Schnitt
Dann steht man da, Skalpell in der Hand, vor einem Tier, an dem man jetzt tatsächlich arbeiten soll. Bei mir hat dieser Moment länger gedauert, als ich zugeben wollte. Es ist ein komischer Zwiespalt: Einerseits ist da die Neugier, endlich zu sehen, wie das, was man aus Büchern kennt, in echt aussieht. Andererseits diese leise Stimme, die sagt, dass das hier kein Modell ist. Ich glaube, genau dieser Moment gehört zum Studium dazu wie kaum ein zweiter. Er zeigt dir, wie ernst dieser Beruf am Ende ist, lange bevor du überhaupt ein echtes Tier als Patienten vor dir hast.
Ehrfurcht und Überwindung gleichzeitig
Niemand um mich herum hat an diesem ersten Tag lässig getan, auch wenn manche das nach außen versucht haben. Die Wahrheit ist: Fast jede und jeder im Kurs hatte irgendeine Form von Überwindung zu leisten, ob beim Anblick, beim Geruch oder einfach beim Gedanken daran, was man da tut. Das offen zuzugeben, hat mir persönlich geholfen. Sobald man merkt, dass es der Person neben einem genauso geht, verliert die eigene Unsicherheit einen Teil ihres Gewichts. Im Vorphysikum ist die Anatomie eines der Fächer, das dich am direktesten mit der Realität deines künftigen Berufs konfrontiert, deutlich direkter als jede Vorlesung.
Der Tisch als kleines Team
Am Präpariertisch arbeitet man nicht allein. Bei uns waren das kleine Gruppen, die sich über Wochen und Monate ein Tier gemeinsam erarbeitet haben, Struktur für Struktur. Das entlastet enorm, weil man sich abwechseln kann, wenn man selbst gerade eine Pause braucht, und weil jemand da ist, der einen auffängt, wenn der Kreislauf mal schwächelt oder die Konzentration nachlässt. Genau dieser Zusammenhalt am Tisch hat bei mir aus einer anfänglich beklemmenden Situation über die Zeit etwas gemacht, auf das ich fachlich richtig stolz bin.
Was danach bleibt
Ein paar Wochen später gehst du in denselben Saal, ohne dass sich in deinem Magen noch etwas zusammenzieht. Das heißt nicht, dass dir die Sache egal geworden ist, im Gegenteil. Der Respekt vor dem Tier und vor der Aufgabe bleibt, nur die Nervosität weicht einer professionelleren Distanz, die du für den Beruf ohnehin brauchst. Diese Entwicklung passiert nicht über Nacht, sondern schleichend, Sitzung für Sitzung.
Fazit
Der erste Tag im Präpariersaal ist bei fast niemandem ein Spaziergang, und das ist in Ordnung. Ehrfurcht, Überwindung und Neugier gehören an diesem Punkt zusammen. Wenn du gerade davorstehst: Du bist mit diesem Gefühl garantiert nicht allein, und es wird mit der Zeit leichter, ohne dass du dabei etwas von deinem Respekt verlierst.
Konstantin Berger
Tiermedizinstudent (JLU Gießen)
Konstantin studiert Tiermedizin an der Justus-Liebig-Universität Gießen und steckt mitten im klinischen Abschnitt. Auf tiermedizinstudium.eu schreibt er über alles, was er sich vor dem Studium selbst gewünscht hätte: den Weg zum Studienplatz – in Deutschland und Europa – und das, was einen im Studium wirklich erwartet.
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