Das Wichtigste in Kürze
- Manche Tierärztinnen und Tierärzte nutzen Plattformen wie Instagram oder TikTok für Aufklärung, Praxismarketing und Nahbarkeit gegenüber Tierhaltern.
- Chancen liegen in Reichweite und Vertrauensaufbau, Grenzen in Seriosität und den engen rechtlichen Grenzen für Ferndiagnosen über das Netz.
- Für Praxen kann Social Media ein Baustein bei der Personalgewinnung sein, ersetzt aber keine fachliche Beratung vor Ort.
- Berufseinsteigerinnen und -einsteiger sollten den Umgang mit Social Media auch rechtlich und standesrechtlich einordnen können.
Ein Video vom Kälberstall
Neulich hat mir eine Tierärztin aus unserer Region ein kurzes Video gezeigt, das sie selbst gedreht hatte: ein kurzer Clip darüber, wie man eine Kälberkrankheit früh erkennt, mit ein paar verständlichen Erklärungen für Laien. Ich war überrascht, wie viele Leute das gesehen und kommentiert hatten, auch Leute, die gar nichts mit Landwirtschaft zu tun haben. Für mich war das ein gutes Beispiel dafür, wie sich der Beruf inzwischen auch außerhalb von Stall und Sprechzimmer abspielt.
Was Tierärztinnen und Tierärzte auf Social Media zeigen
Die Bandbreite reicht von kurzen Erklärvideos über typische Krankheitsbilder bis zu Einblicken in den Praxisalltag, manchmal mit Behandlungsszenen, manchmal einfach mit Alltagsgeschichten aus dem Team. Ziel ist meist Aufklärung: Tierhalterinnen und Tierhalter sollen verstehen, wann ein Tierarztbesuch nötig ist, was bei bestimmten Symptomen zu tun ist, oder einfach einen realistischen Eindruck vom Berufsalltag bekommen. Für Praxen kann das auch beim Praxismarketing helfen, gerade in einem Markt, in dem gute Fachkräfte gesucht sind.
Die Chance: Vertrauen und Reichweite
Wer online sichtbar ist, baut oft schneller Vertrauen zu potenziellen neuen Kundinnen und Kunden auf, bevor diese überhaupt das erste Mal mit ihrem Tier in der Praxis stehen. Für junge Tierärztinnen und Tierärzte, die sich selbstständig machen wollen, kann eine gewisse Online-Präsenz helfen, im umkämpften lokalen Markt aufzufallen. Auch für die Personalgewinnung kann ein authentischer Praxisauftritt in sozialen Medien mittlerweile eine Rolle spielen, weil Bewerberinnen und Bewerber sich vorab ein Bild vom Team machen können.
Die Grenze: Keine Ferndiagnose im Netz
Was ich dabei wichtig finde: Auf Social Media geht es um Aufklärung, nicht um Behandlung. Eine seriöse tierärztliche Einschätzung braucht immer die Untersuchung des konkreten Tieres, nicht ein Video oder einen Kommentar unter einem Post. Verantwortungsvolle Vetfluencerinnen und Vetfluencer weisen genau darauf regelmäßig hin und verweisen bei konkreten Fragen an die eigene oder eine andere Praxis vor Ort, statt eine Diagnose übers Netz zu stellen. Standesrechtliche Vorgaben der Tierärztekammern setzen dem werblichen Auftritt zudem klare Grenzen.
Was das für den Berufsalltag bedeutet
Für die meisten Tierärztinnen und Tierärzte bleibt Social Media ein Zusatz zum eigentlichen Praxisalltag, kein Ersatz. Content zu produzieren kostet Zeit, die neben Behandlungen, Notdienst und Verwaltung erst gefunden werden muss. Wer sich dafür entscheidet, tut es meist aus Freude an der Kommunikation und nicht aus reinem Kalkül, jedenfalls ist das mein Eindruck aus den Gesprächen, die ich dazu geführt habe.
Ein Blick von außen
Als Landwirt, der selbst regelmäßig mit Tierärztinnen und Tierärzten zu tun hat, finde ich diese Entwicklung grundsätzlich positiv. Viele Missverständnisse zwischen Tierhaltern und Praxis entstehen aus fehlendem Wissen, etwa darüber, warum bestimmte Behandlungen Zeit brauchen oder was ein Notdiensteinsatz wirklich kostet. Wenn kurze, verständliche Videos genau das erklären, nimmt das Druck aus so manchem Gespräch am Empfang. Wichtig bleibt für mich aber, dass Unterhaltung nie wichtiger wird als fachliche Sorgfalt, denn Vertrauen, das online aufgebaut wird, muss sich in der Praxis vor Ort dann auch bestätigen.
Fazit
Vetfluencerinnen und Vetfluencer zeigen eine moderne Seite des Tierarztberufs, die Aufklärung und Nahbarkeit verbindet, ohne die klassische Praxisarbeit zu ersetzen. Wer sich für den Berufseinstieg interessiert, findet praktische Hinweise dazu im Ratgeber Die erste Tierarzt-Stelle: Bewerbung, Vertrag, Realitätscheck.
Marco Lindner
Landwirt
Marco führt einen Milchviehbetrieb und arbeitet seit vielen Jahren eng mit Tierärzten zusammen – vom Bestandsbetreuer bis zum Amtsveterinär. Für tiermedizinstudium.eu porträtiert er den Berufsalltag von Tierärztinnen und Tierärzten aus der Perspektive dessen, der sie täglich im Einsatz erlebt.
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