Das Wichtigste in Kürze
- Verhaltenstierärztinnen und Verhaltenstierärzte diagnostizieren und behandeln Verhaltensauffälligkeiten wie Aggression, Angst oder Zwangsverhalten bei Tieren.
- In Deutschland gibt es sowohl das eigenständige Fachtierarzt-Gebiet Verhaltenskunde als auch die kürzere Zusatzbezeichnung Tierverhaltenstherapie beim Kleintier oder beim Pferd.
- Der Arbeitsort ist häufig eine spezialisierte Praxis, ergänzt um Hausbesuche beim Tier vor Ort.
- Zum Verdienst gibt der Ratgeber zum Fachtierarzt-Gehalt eine Einordnung.
Wer hier arbeitet
Ein Hund, der jeden Besucher anknurrt, oder ein Pferd, das beim Verladen in Panik gerät: Solche Probleme lassen sich oft nicht allein mit Training lösen, wenn eine medizinische oder tief verwurzelte Ursache dahintersteckt. Genau hier setzt die Arbeit von Verhaltenstierärztinnen und Verhaltenstierärzten an, ein Fachgebiet, das ich vor allem aus Erzählungen von Pferdehaltern in meinem Umfeld kenne. Oft ist genau dieser Schritt der schwierigste: einzusehen, dass ein „schwieriges“ Tier nicht einfach nur ungehorsam ist, sondern möglicherweise ein ernstzunehmendes Problem hat, das fachliche Hilfe braucht.
Aufgaben im Überblick
Die Arbeit verbindet medizinisches Wissen mit Verhaltensbeobachtung:
- Verhaltensdiagnostik: die Abklärung, ob eine körperliche Ursache hinter einem Verhalten steckt
- Therapiepläne: individuell abgestimmte Maßnahmen, oft in Zusammenarbeit mit Tierhaltern und Trainern
- Medikamentöse Unterstützung: in manchen Fällen ergänzend zur Verhaltenstherapie
- Beratung zur Haltung: da Umgebung und Haltungsbedingungen oft eine zentrale Rolle spielen
- Vermittlung zwischen Tier und Halter: Aufklärung darüber, was hinter einem Verhalten tatsächlich steckt
Am Anfang jeder Behandlung steht eine ausführliche Verhaltensanamnese: Wann tritt das Problem auf, in welchen Situationen, seit wann, und was wurde bisher schon versucht. Häufig wird das Verhalten zusätzlich auf Video festgehalten, weil sich manche Auffälligkeiten in der kurzen Zeit eines Praxistermins gar nicht zeigen. Erst aus diesem Gesamtbild lässt sich ableiten, ob eine körperliche, eine erlernte oder eine kombinierte Ursache dahintersteckt.
Arbeitsorte: Praxis und Hausbesuch
Ein Teil der Arbeit findet in einer spezialisierten Praxis statt, ein anderer direkt vor Ort, denn viele Verhaltensprobleme lassen sich nur in der gewohnten Umgebung des Tieres wirklich beurteilen. Interessierst du dich für den allgemeinen Praxisalltag mit Kleintieren, findest du ergänzende Inhalte im Ratgeber Alltag in der Kleintierpraxis.
Der Weg zum Verhaltenstierarzt
In Deutschland gibt es zwei Wege: das eigenständige Fachtierarzt-Gebiet Verhaltenskunde mit einer umfangreicheren Weiterbildung sowie die kürzere Zusatzbezeichnung „Tierverhaltenstherapie beim Kleintier“ oder „beim Pferd“, geregelt durch die Landestierärztekammern. Einen Überblick über alle Zusatzbezeichnungen gibt der Ratgeber Zusatzbezeichnungen für Tierärzte. Zum allgemeinen Einstieg informiert Fachtierarzt werden.
Was den Beruf besonders macht
Bei Pferdehaltern in meinem Umfeld ist mir aufgefallen: Verhaltensprobleme werden oft erst spät ernst genommen, weil sie schleichend entstehen und leicht als reine Charaktersache abgetan werden. Die Arbeit als Verhaltenstierärztin oder Verhaltenstierarzt verlangt deshalb viel Geduld, sowohl mit dem Tier als auch im Gespräch mit Haltern, die oft schon lange mit dem Problem leben.
Ein weiterer Punkt fällt mir auf: Verhaltensmedizin funktioniert selten mit einer einzelnen Maßnahme. Meist braucht es einen Plan aus mehreren Bausteinen: Veränderungen in der Haltung, gezieltes Training und manchmal auch Medikamente, die dem Tier helfen, überhaupt erst wieder lernfähig zu werden. Der Erfolg hängt dabei stark davon ab, wie konsequent Halterinnen und Halter diesen Plan im Alltag umsetzen, weshalb ein großer Teil der Arbeit auch aus verständlicher Erklärung und Motivation besteht. Am Ende geht es fast immer darum, wieder Vertrauen aufzubauen, zwischen Tier und Umwelt ebenso wie zwischen Tier und Halter.
Die Arbeit als Verhaltenstierärztin oder Verhaltenstierarzt verbindet damit medizinisches Wissen mit genauer Beobachtungsgabe und viel Geduld im Umgang mit Tier und Halter. Es ist ein wachsendes, noch relativ junges Spezialgebiet an der Schnittstelle aus Medizin und Verhalten. Kannst du gut beobachten, und reizt es dich, Halterinnen und Halter über längere Zeiträume zu begleiten statt nur einmalig zu behandeln, könnte dieser Weg zu dir passen.
Marco Lindner
Landwirt
Marco führt einen Milchviehbetrieb und arbeitet seit vielen Jahren eng mit Tierärzten zusammen – vom Bestandsbetreuer bis zum Amtsveterinär. Für tiermedizinstudium.eu porträtiert er den Berufsalltag von Tierärztinnen und Tierärzten aus der Perspektive dessen, der sie täglich im Einsatz erlebt.
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