Das Wichtigste in Kürze
- Neben den anerkannten Fachtierarzt-Titeln vergeben die Landestierärztekammern auch Zusatzbezeichnungen, unter anderem für Homöopathie, Chiropraktik/Osteopathie und Akupunktur.
- Die Weiterbildungen selbst sind formal geregelt und regulär anerkannt, das sagt aber noch nichts über die wissenschaftliche Evidenz der zugrunde liegenden Verfahren aus.
- Für viele komplementärmedizinische Methoden ist die Studienlage schwach oder umstritten, insbesondere im Vergleich zu etablierten schulmedizinischen Verfahren.
- Eine sachliche Einordnung unterscheidet zwischen der formalen Anerkennung einer Zusatzbezeichnung und der Frage, wie gut ein Verfahren tatsächlich wirkt.
Manche Tierärztinnen und Tierärzte erwerben neben ihrer schulmedizinischen Ausbildung Zusatzbezeichnungen in komplementärmedizinischen Verfahren. Dieser Artikel ordnet ein, was diese Zusatzbezeichnungen formal bedeuten und wie es um die wissenschaftliche Evidenz der jeweiligen Verfahren steht, ohne pauschal zu werten.
Was eine Zusatzbezeichnung formal bedeutet
Zusatzbezeichnungen sind, anders als die großen Fachtierarzt-Gebiete, meist kürzere, spezialisierte Weiterbildungen, die von den Landestierärztekammern nach eigenen Weiterbildungsordnungen vergeben werden. Wer eine solche Bezeichnung führt, hat eine geregelte Fortbildung mit definiertem Umfang absolviert und eine entsprechende Prüfung bestanden. Die formale Anerkennung sagt jedoch nichts darüber aus, wie gut das erlernte Verfahren im Vergleich zu etablierten schulmedizinischen Methoden tatsächlich wirkt, beide Fragen sollten getrennt betrachtet werden.
Akupunktur bei Tieren: Was die Studienlage sagt
Akupunktur gehört zu den am häufigsten angebotenen komplementärmedizinischen Verfahren in der Tiermedizin, etwa bei chronischen Schmerzzuständen. Die wissenschaftliche Studienlage dazu ist uneinheitlich: Einzelne kontrollierte Studien berichten von Effekten, insbesondere bei bestimmten Schmerzindikationen, während systematische Übersichtsarbeiten häufig auf methodische Schwächen der vorliegenden Studien, kleine Fallzahlen und einen unklaren Wirkmechanismus jenseits von Placeboeffekten hinweisen. Belastbare, große und methodisch saubere Studien speziell zur Veterinärakupunktur sind vergleichsweise selten.
Homöopathie: eine besonders kritisch diskutierte Zusatzbezeichnung
Für die Homöopathie ist die wissenschaftliche Ausgangslage noch eindeutiger kritisch: Das zugrunde liegende Wirkprinzip extremer Verdünnung widerspricht etablierten pharmakologisch-chemischen Grundannahmen, und die überwiegende Mehrheit methodisch hochwertiger Studien und Metaanalysen, auch außerhalb der Veterinärmedizin, findet keine über den Placeboeffekt hinausgehende Wirkung. Innerhalb der Tierärzteschaft und der Wissenschaft wird die Zusatzbezeichnung deshalb wiederholt kontrovers diskutiert, auch wenn sie formal weiterhin angeboten und regulär anerkannt wird.
Chiropraktik und Osteopathie: näher an etablierten Verfahren
Manuelle Verfahren wie Chiropraktik und Osteopathie bei Tieren stehen wissenschaftlich zwischen den beiden vorgenannten Beispielen. Sie greifen auf anatomisch und physiologisch nachvollziehbare Mechanismen zurück und werden teils auch in humanmedizinischer Physiotherapie angewendet, die Evidenzlage für spezifische Effekte bei Tieren ist aber ebenfalls begrenzt und uneinheitlich. Wer solche Verfahren erwägt, sollte sie eher als ergänzende, unterstützende Maßnahme verstehen, nicht als Ersatz für eine schulmedizinische Diagnostik und Behandlung.
Aufklärung gegenüber Tierhalterinnen und Tierhaltern
Unabhängig davon, wie die Evidenzlage im Einzelfall ausfällt, gehört eine ehrliche Aufklärung zu einer verantwortungsvollen Anwendung komplementärmedizinischer Verfahren dazu. Dazu zählt, offen zu benennen, wenn ein Verfahren ergänzend statt ersetzend gedacht ist, wann eine schulmedizinische Abklärung zwingend vorausgehen sollte und wo die Studienlage schlicht dünn ist. Wer diese Transparenz herstellt, respektiert die Entscheidungsfreiheit der Tierhalterinnen und Tierhalter, ohne unbelegte Heilsversprechen zu machen.
Warum diese Einordnung für den Beruf relevant ist
Wer sich beruflich mit Zusatzbezeichnungen beschäftigt, kommt an der Unterscheidung zwischen formaler Anerkennung und wissenschaftlicher Evidenz nicht vorbei: Wer sich für eine komplementärmedizinische Zusatzbezeichnung entscheidet, sollte das mit realistischem Blick auf die Studienlage tun und Patientenbesitzerinnen und -besitzern gegenüber transparent kommunizieren, was ein Verfahren realistisch leisten kann und was nicht. Wie sich Zusatzbezeichnungen im Vergleich zu den großen Fachtierarzt-Gebieten in die Weiterbildungslandschaft einordnen, zeigt der Grundlagenartikel Fachtierarzt werden.
Fazit
Komplementärmedizinische Zusatzbezeichnungen wie Akupunktur, Homöopathie oder Chiropraktik sind formal reguläre, anerkannte Weiterbildungen, die wissenschaftliche Evidenz der zugrunde liegenden Verfahren fällt aber sehr unterschiedlich aus und ist in Teilen, insbesondere bei der Homöopathie, deutlich umstritten. Ziehst du eine solche Zusatzbezeichnung für dich in Betracht, lohnt sich eine faire Einordnung, die die formale Qualifikation würdigt, ohne daraus automatisch auf einen belegten medizinischen Nutzen zu schließen.
Theresa Vogt
Diplom-Biologin
Theresa ist Diplom-Biologin und hat den Weg in die Tiermedizin einst selbst abgewogen. Heute recherchiert sie für tiermedizinstudium.eu die Zahlen hinter dem Beruf: Gehälter, Weiterbildungswege und die ehrliche Antwort auf die Frage, welche Alternativen wirklich tragen.
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