Das Wichtigste in Kürze
- Psychische Belastung ist im Tierarztberuf ein anerkanntes Thema. Es wird offen darüber diskutiert, ein Tabu ist es längst nicht mehr.
- Studien zeigen ein spürbar erhöhtes Risiko für Depressionen und Suizidgedanken bei Tierärztinnen und Tierärzten im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung.
- Belastende Momente wie Euthanasie, Notdienst und Leistungsdruck beginnen schon im Studium und nicht erst im Berufsleben.
- Es gibt konkrete, niedrigschwellige Hilfsangebote, von der Telefonseelsorge bis zu Beratungsstellen der Studierendenwerke.
Es ist mir wichtig, das Thema weder kleinzureden noch zu dramatisieren. Es gehört einfach zur Wahrheit über unseren Berufsweg dazu. Stand der folgenden Zahlen: Juli 2026.
Was die Forschung zeigt
Eine Befragung von rund 3.100 Veterinärmedizinerinnen und -medizinern in Deutschland (Glaesmer und Kolleginnen, 2020) fand bei knapp einem Drittel der Teilnehmenden Hinweise auf ein erhöhtes Suizidrisiko, bei etwa einem Viertel Symptome einer Depression und bei knapp einem Fünftel Suizidgedanken. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung gilt für Tierärztinnen und Tierärzte ein mehrfach erhöhtes Risiko für Depressionen und Suizid. Die Bundestierärztekammer hat diese Zahlen selbst öffentlich gemacht und macht das Thema aktiv sichtbar. Das sagt schon etwas: Der Berufsstand spricht darüber, statt es zu verstecken.
Wichtig ist dabei die Einordnung. Diese Zahlen stammen aus Befragungen berufstätiger Tierärztinnen und Tierärzte, nicht speziell von Studierenden. Die Faktoren aber, die dazu beitragen, entstehen zu einem guten Teil schon im Studium. Deshalb gehört das Thema auch hierher.
Woher die Belastung kommt
Ein paar Faktoren, die in der Forschung und im Berufsalltag immer wieder genannt werden:
- Beruflicher Stress und lange Arbeitszeiten, die im Studium mit Prüfungsdichte und Praktikumsverpflichtungen anfangen und im Beruf mit Notdiensten weitergehen.
- Der Umgang mit Sterben und Euthanasie. Eine Aufgabe, die es in dieser Form in kaum einem anderen Beruf gibt und die man sich vorher schwer vorstellen kann.
- Leichter fachlicher Zugang zu Medikamenten, der in der Forschung als eigener Risikofaktor diskutiert wird.
- Hoher Leistungsanspruch an sich selbst. Er ist bei vielen, die sich für dieses Studium entscheiden, schon vorher da: Man will helfen, und wenn das nicht gelingt, nagt das.
Im Studium begegnet dir das früher, als du vielleicht denkst: im Präpariersaal, bei den ersten Praktika in der Praxis, wenn du zum ersten Mal miterlebst, wie ein Tier eingeschläfert wird, weil es nicht mehr anders geht. Bei den wenigsten geht so ein Moment spurlos vorbei, und das ist auch völlig in Ordnung so.
Was im Studienalltag hilft
Aus eigener Erfahrung und aus Gesprächen mit Kommilitoninnen und Kommilitonen: Was am meisten hilft, ist, nicht allein damit zu bleiben. Eine Lerngruppe, mit der man auch über schwierige Momente spricht, ältere Semester, die selbst durch die gleichen Phasen gegangen sind, oder einfach ein Freund, der zuhört: Reden entlastet. Das gilt genauso für den Studienalltag insgesamt. Wenn man sich isoliert und nur noch funktioniert, merkt man Überlastung oft später als andere.
Auch das Vorphysikum und die Prüfungsdichte im Ablauf des Studiums tragen ihren Teil bei. Druck ist an sich nichts Ungewöhnliches im Studium. Entscheidend ist, wie du damit umgehst und ob du dir rechtzeitig Unterstützung holst, bevor es zu viel wird.
Konkrete Hilfsangebote
Falls du selbst gerade merkst, dass dich etwas belastet, hier ein paar Anlaufstellen, die kostenlos, anonym und niedrigschwellig sind:
- Telefonseelsorge: rund um die Uhr erreichbar unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, kostenlos und anonym. Das gilt auch, wenn es “nur” um das Gefühl geht, gerade nicht weiterzuwissen.
- Psychologische Beratungsstellen der Studierendenwerke: An jedem Studienort gibt es solche Beratungsstellen, oft mit kurzfristigen Terminen für akute Situationen.
- Nightline oder vergleichbare studentische Peer-Beratung: An mehreren Hochschulstandorten von Studierenden für Studierende organisiert. Manchmal ist es leichter, zuerst mit jemandem in einer ähnlichen Situation zu sprechen.
- Hausärztin, Hausarzt oder Vertrauensperson an der Fakultät: als erster Schritt, um weitere Unterstützung zu vermitteln.
Man muss nicht warten, bis es “schlimm genug” ist, um sich Hilfe zu holen. Frühzeitig hinzuschauen ist keine Schwäche. Es ist genau die Fähigkeit, die man später auch im Umgang mit belastenden Situationen im Beruf braucht.
Was bleibt
Die emotionale Belastung im Tiermedizinstudium und im späteren Beruf ist real, gut erforscht und kein Grund, sich für dieses Studium zu schämen oder es zu verschweigen. Früh zu lernen, offen darüber zu sprechen und Hilfsangebote zu nutzen, macht stärker für einen Beruf, der einem viel abverlangt, aber auch viel zurückgibt.
Konstantin Berger
Tiermedizinstudent (JLU Gießen)
Konstantin studiert Tiermedizin an der Justus-Liebig-Universität Gießen und steckt mitten im klinischen Abschnitt. Auf tiermedizinstudium.eu schreibt er über alles, was er sich vor dem Studium selbst gewünscht hätte: den Weg zum Studienplatz – in Deutschland und Europa – und das, was einen im Studium wirklich erwartet.
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